Kapitel 1: Grundlagen

Prüfungspsychologie

Nach Ableistung der 5-jährigen Weiterbildungszeit mit den vorgeschriebenen Weiterbildungsinhalten bei einem weiterbildungsbefugten Arzt für Anästhesiologie kann die Facharztprüfung abgelegt werden. Über die Prüfungstermine, die Voraussetzungen sowie den Anmeldevorgang informieren die Ärztekammern auf ihren Internetseiten. Dabei ist die Ärztekammer zuständig, in der man zum Zeitpunkt der Antragstellung Mitglied ist. Offizielle Empfehlungen zur Vorbereitung auf die Facharztprüfung und deren Durchführung fehlen oftmals. Dadurch halten sich Gerüchte, dass es sich nur um ein kollegiales fachbezogenes Gespräch handele, während es tatsächlich um ein Prüfungsgespräch geht, dass einer intensiven Vorbereitung bedarf.

Prüfungsablauf

Nach Abschluss des Zulassungsverfahrens durch die zuständige Ärztekammer wird meist mit einer Frist von 2 Wochen zur Facharztprüfung eingeladen. Die Prüfung findet als 30-minütige, nichtöffentliche mündliche Einzelprüfung statt. Die Prüfungskommission besteht in der Regel aus drei ärztlichen Mitgliedern, einem Vorsitzenden und zwei Ärzten, die selbst die Facharztanerkennung für Anästhesiologie besitzen müssen. Bei den Fachprüfern handelt es sich zumeist um weiterbildungsbefugte Chef- oder Oberärzte von Kliniken aus dem Zuständigkeitsbereich der Ärtzekammer. Bei der Auswahl der Prüfer wird darauf geachtet, dass nicht der eigene Vorgesetzte die Prüfung abnimmt. Das Prüfungsgespräch wird protokolliert. dabei werden die Hauptthemen der Prüfung zusammengefasst und die Antworten des Prüflings dokumentiert. Nach Beendigung des Prüfungsgespräches verlässt der Prüflung den Raum, damit die Prüfungskommission über das Ergebnis beraten kann. Die Entscheidung über Bestehen bzw. Nichtbestehen der Prüfung wird mehrheitlich getroffen. Das Ergebnis wird dem Prüfling anschließend persönlich mitgeteilt. Gleichzeitig wird nach bestandener Prüfung die Facharzturkunde ausgehändigt.

Prüfungsstil und -inhalt

Im Rahmen der Facharztprüfung soll gezeigt werden, dass der Kandidat eigenverantwortlich Patienten in der Anästhesie versorgen kann. Dies geschieht in Form eines klinisch relevanten Fachgesprächs mit den Fachprüfern, die sich häufig die Prüfungszeit teilen, d.h. zuerst fragt ein Prüfer ca. 15 Minuten, bevor der zweite seine Fragen anschließt. Dabei wird der Prüfling meist mit einem Fall aus dem Klinikalltag konfrontiert. Es werden keine exotischen Details erwartet. Der Prüfling soll unter Beweis stellen, dass er das Alltagsgeschäft in der Anästhesiologie selbstständig beherrscht. Dennoch sind einschlägiges Grundlagenwissen, ausreichende Kenntnis der Fachliteratur, Kenntnis anästhesiologischer Arbeitsweisen sowie die Fähigkeit, Differenzialdiagnosen zu stellen und entsprechende therapeutische Konsequenzen abzuleiten. Es kann vorkommen, dass der Prüfer eine Frage stellt, die überrascht und auf die der Prüfling im ersten Moment keine Antwort weiß. Hier gilt es, nicht in Schockstarre zu verfallen oder rumzustammeln. Hilfreich ist, sich für diesen Fall eine persönliche Lösungsstrategie zurecht zu legen. In diesem Zusammenhang darf nachgefragt werden, um die Frage besser einordnen zu können. Der Prüfling soll zeigen, dass er in der Lage ist, eine Lösungsstrategie zu entwickeln, ohne Gefahr zu laufen, einen Patienten zu gefährden. 

Kleiderordnung und Verhalten im Prüfungszimmer

Die für die Facharztprüfung gewählte Kleidung sagt etwas darüber aus, wie der Kandidat die Prüfungssituation einschätzt. Legere Freizeitkleidung könnte eine Geringschätzung der Prüfer und der Prüfungssituation signalisieren. Das Fach Medizin ist nach wie vor konservativ geprägt. Es sollte auf ein seriöses, nicht aufdringlich wirkendes Auftreten geachtet werden. Starkes Make-up oder Krawatten mit Comicfiguren sollten in der Freizeit und nicht während der Facharztprüfung getragen werden. Wichtig ist, kompetent und freundlich aufzutreten, den Willen zu zeigen, die Prüfung möglichst gut zu absolvieren, in ganzen zusammenhängenden Sätzen zu sprechen und den Prüfern beim Sprechen in die Augen zu schauen. Einen Prüfer, der gern redet, sollte man reden lassen und ihm aufmerksam und aktiv zuhören. Es sollte konkret auf die Fragen geantwortet werden. Ausschweifende Antworten könnten bewirken, dass der Prüfer auf Themen aufmerksam wird, bei denen der Prüfling möglicherweise Schwächen aufweist. 

Prüfungsvorbereitung

Der Facharztkandidat verfügt bereits über umfangreiche Lernerfahrungen und brauchbare Lernstrategien, da er während seines Medizinstudiums eine Vielzahl an Prüfungen erfolgreich gemeistert hat. Des Weiteren hat er während seiner Weiterbildungszeit umfangreiche theoretische und praktische Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben können. Für die Vorbereitung der Facharztprüfung ist es empfehlenswert, anhand konkreter Fallbeispiele zu definierten Themengebieten aktives Wissen zu formulieren oder Wissenslücken zu identifizieren, anstatt passiv Informationen aus einem fortlaufenden Text aufzunehmen. Das Training von Fragen und Antworten zu einem individuellen Fall aus der Praxis bildet zum Einen den Ablauf der Facharztprüfung ab, zum Anderen verbleibt aktiv formuliertes Wissen um ein Vielfaches länger und besser im Gedächtnis.